Jean‑Léon Gérômes „Schlangenbeschwörer“ (Le Charmeur de serpents, The Snake Charmer) ist eines der eindrucksvollsten Beispiele des im Frankreich des späten 19. Jahrhunderts aufkommenden Orientalismus. Die fast surreal wirkende Detailrealität verbindet eine exotische Szene vom Westen bis in den Nahen Osten und fungiert nicht nur als ästhetisches Objekt, sondern auch als visuelle Darstellung von Imperialismus, kultureller Perspektive und der westlichen Wahrnehmung des „Anderen“.
Geburt der orientalistischen Szene
In den 1860er Jahren unternahm Gérôme Reisen nach Nordafrika und ins Osmanische Reich (Ägypten, Istanbul), die ihn entscheidend prägten. Diese Reisen führten ihn in staubige, verwinkelte Gassen, in das gedämpfte Licht der Harems und zu den Alltagsritualen der Gaukler. Um 1879 fertiggestellt, vereint der „Schlangenbeschwörer“ technische Perfektion und thematische Fantasie und markiert den Höhepunkt des in Frankreich beliebten Orientalismus.
Feiner Rhythmus der Komposition
Im Zentrum tanzt die Schlange, die ein schwarzes Kind um seine Schultern geschlungen hält, während Frauen aus dem Harem und männliche Zuschauer einen Halbkreis um die Szene bilden. Die vertikale Linie der aufgerichteten Schlange kontrastiert mit der horizontalen Blickachse der Zuschauer. Bodenmosaike und Wandornamente vernetzen die Figuren zu einem visuellen Geflecht und nähren zugleich die statische wie fließende Komponente der Darstellung.
Überschneidung von Symbolismus und Wirklichkeit
• Das Werk symbolisiert den westlichen Drang zu Neugier und Kontrolle über das „Andere“; die distanziert beobachtenden Zuschauer erzeugen eine entfremdende Wirkung.
• Das porzellanartig kühle Licht und die feinste Hautstruktur verweisen auf Gérômes beinahe fotografischen Realismus.
• Der Kontrast zwischen warmen Erdtönen und dem blassen Grün‑Blau der Schlange steigert die emotionale Resonanz des exotischen Motivs. Die Kachelmuster an den Wänden verleihen dem Hintergrund zugleich Pracht und Kühle.
Erste Ausstellung
Der „Schlangenbeschwörer“ gelangte 1880 über die Galerie Goupil & Cie in den Besitz von Albert Spencer und erregte 1893 auf der Weltausstellung in Chicago großes Aufsehen. Im 20. Jahrhundert war das Gemälde zunächst im Metropolitan Museum of Art in New York zu sehen, bevor es 1955 ins Sterling and Francine Clark Art Institute in Williamstown, Massachusetts, wechselte. Edward Said wählte das Bild 1978 für den Einband seines wegweisenden Buchs Orientalism, womit es zum ikonischen Symbol orientalistischer Diskurse wurde.
Werkdaten
Titel: Le Charmeur de serpents
Künstler: Jean‑Léon Gérôme
Entstehung: um 1879
Stil: Orientalismus
Maße: 82.2 × 121 cm
Material: Öl auf Leinwand
Standort: Sterling and Francine Clark Art Institute
